Uwe Schummer MdB

Analphabetismus und Bildungsaufstieg - Wie kann die Bildungsrepublik gelingen?


7,5 Mio. Menschen, d.h. 20 % der erwachsenen Deutschen sind funktionale Analphabeten. Nach der Level-One-Studie der Uni Hamburg betrifft dieses Problem 14 % der erwerbstätigen Bevölkerung: Diese Menschen können zwar einfache Sätze lesen und schreiben, sind aber bei zusammenhängenden Texten wie Behördenbriefen und Zeitungen bereits überfordert. Häufig ist diese Situation durch ‚Entwöhnen‘ entstanden, d.h. die einmal erlernte sprachliche Fähigkeit wurde in der Praxis nicht weiter genutzt und nach und nach verlernt. Analphabeten im engeren Sinne sind über 4 % (ca. 2,3 Mio. Menschen) der erwerbstätigen Bevölkerung, weitere 300.000 Menschen können nicht einmal ihren Namen richtig schreiben.

Mit diesen erschreckenden Zahlen beschäftigt sich die CDU Pulheim und lud ein zu einer Vortragsveranstaltung mit Uwe Schummer MdB mit anschließender Diskussion am Montag, 6. Juli 2015.

Schummer griff diese Daten auf und nannte als Hauptproblem die Schwierigkeit, diesen Menschen die bestehenden Hilfen zukommen zu lassen. Es gibt Weiterbildungsschecks und -prämien aus Bundesmitteln, die in Netzwerke des Landes, der Kreise und Kommunen fließen sollen. Das sog. Bildungs- und Teilhabepaket greift auch bei der Finanzierung von Klassenfahrten, Vereinsbeiträgen und Projekten, wo Eltern überfordert sind.

Eine abgeschlossene Schul- und Berufsausbildung als Grundlage zahle sich aus als ‚Bildungsrendite‘, so Schummer: 19 % der Arbeitslosen haben keinen Schul- bzw. Ausbildungsabschluss. Bei Arbeitnehmern, die eine duale Ausbildung durchlaufen haben, liegt diese Quote bei 2,7 %, bei Akademikern bei 1,8 %. 80 % der Patente kommen aus deutschen Unternehmen, d.h. sie wurden von Mitarbeitern erarbeitet. Hier steckt noch immer erhebliches Potential.

In diesem Zusammenhang betonte Schummer, dürfe man auch nicht die Studienabbrecher vergessen. Aufbauend auf ihren erworbenen Kenntnissen und ihrer Lebenserfahrung sollte es möglich sein, im Rahmen einer verkürzten betrieblichen Ausbildung einen anerkannten Berufsabschluss zu erreichen. Ausländische Akademiker stünden häufig vor dem Problem, dass ihre Kompetenzen aufgrund fehlender Nachweise oder Vergleichbarkeit nicht anerkannt würden. Hier bestehe ähnlicher Handlungs- und Verbesserungsbedarf, um ihre Potentiale nicht brach liegen zu lassen.

Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung

Vor dem Hintergrund der dramatischen Zahlen von Analphabetismus in Deutschland hat sich die große Koalition darauf geeinigt, eine Strategie festzulegen und umzusetzen. Ein entsprechender Antrag wurde im Juni dem Deutschen Bundestag vorgelegt.

Kernpunkte liegen in einem nachhaltigen Netzwerk der Akteure in der Alphabetisierungsarbeit, der Schaffung von dauerhaften Strukturen als Teil des Weiterbildungssystems und einer weiteren Sensibilisierung des unmittelbaren Arbeits- und Familienumfelds und der Öffentlichkeit für das Thema.

Thematisiert wird das Förderprogramm Arbeitsplatzorientierte Alphabetisierung und Grundbildung Erwachsener, das auch Beratungs- und Schulungsangebote und Fortbildungen für Trainer und Dozenten in Bildungsmaßnahmen einschließt. Weiter ist eine bundesweite Kampagne mit Plakatierungen, TV-, Kino- und Hörfunkspots geplant, sowie die Einrichtung und Förderung von Online-Lernportalen als niederschwellige Angebote.

Durch die Einbindung der Alphabetisierungsangebote ins Lebensumfeld der Betroffenen, etwa in Computer- und Kochkurse in Stadteiltreffs, Vereinen oder soziokulturellen Zentren, sollen Hindernisse abgebaut werden. Wichtig sei vor allem, so heißt es auch im Antrag, die Barrieren aus Anonymität und Stigmatisierung aufzubrechen und das jeweilige Umfeld zu sensibilisieren. Entscheidend für den Erfolg der Alphabetisierungsangebote seien schließlich die Qualität der Lernmaterialien und die Kursleiterinnen und Kursleiter.

Schulsozialarbeit, Berufseinstiegsbegleitung und praxisorientierte Ausbildung seien Grundlagen für eine durchgängig erfolgreiche Bildungskette. Nur so können Zugang und Teilhabe ermöglicht werden, wie der Antrag zur Umsetzung der Dekade für Alphabetisierung in Deutschland überschrieben ist.