"Die mentale Mauer bröckelt jeden Tag ein wenig mehr"
Freitag, den 12. August 2011 um 17:32 Uhr
In einem interessanten Doppelinterview stellten sich die Ministerpräsidenten Niedersachsens und Sachsen-Anhalts, David McAllister und Reiner Haseloff, den Fragen der Leipziger Volkszeitung über ihre Erfahrungen im wiedervereinigten Deutschlandas Interview im Wortlaut:
"Sachsen-Anhalt und Niedersachsen sind Partnerländer"LVZ: Was wäre wohl aus Ihnen geworden, hätte es die friedliche Revolution nicht gegeben?
Reiner Haseloff: Das Szenario möchte ich mir gar nicht vorstellen. Aber vermutlich wäre ich Wissenschaftler am Institut für Umweltschutz in Wittenberg geblieben.
David McAllister: Bis zu meinem elften Lebensjahr bin ich in West-Berlin aufgewachsen, weil mein Vater beim britischen Militär gearbeitet hat. Dort war die Mauer immer präsent. Die friedliche Revolution hat gezeigt: Am Ende siegt die Demokratie. Das ist bis heute Motivation für meine politische Arbeit.
LVZ: Die Jugend weiß immer weniger über Teilung und Mauer. Wo können und wollen Sie nacharbeiten?
Reiner Haseloff: In der Tat: Die Studie .Soziales Paradies oder Stasi- Staat' (2008) von Monika Deutz- Schroeder und Klaus Schroeder über das DDR-Bild von Schülern in Ost und West hat eklatante Wissenslücken aufgezeigt. Der Philosoph George Santayana hat gesagt: Wer die Geschichte nicht kennt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen.
LVZ: So etwas Ähnliches haben Sie ja jetzt auch vor.
David McAllister: Richtig. Reiner Haseloff und ich treffen uns am Samstag an der Magdeburger Warte bei Helmstedt. Dort werden wir gemeinsam dem 50. Jahrestag des Mauerbaus gedenken. Niedersachsen war schließlich das Bundesland mit dem längsten Teil der innerdeutschen Grenze.
LVZ: Sollen oder müssen Soli-Pakt und Soligroschen 2019 enden, ohne Anschlussregelung?
Reiner Haseloff: Zu wünschen wäre es natürlich, dass die Lasten aus der Wiedervereinigung bis dahin bewältigt sind und auf die Soli-Abgabe verzichtet werden kann. Aber eine abschließende Antwort lässt sich heute noch nicht geben. Es ist durchaus möglich, dass an den Folgen von 40 Jahren DDR-Misswirtschaft noch längere Zeit gearbeitet werden muss. Diese Bürde hätte die gesamte Nation in ihrer Verantwortung vor der gemeinsamen Geschichte zu tragen.
David McAllister: Eine weitere Diskussion zur Abschaffung des Soli halte ich derzeit für nicht zielführend. Die gegenwärtige Finanzlage des Bundes lässt einen Verzicht auf die Einnahmen aus dem Solidaritätszuschlag nicht zu. Er darf aber nicht zur Dauereinrichtung werden. Wir sollten das Jahr 2019 nutzen, um 30 Jahre nach dem Fall der Mauer grundsätzlich über neue Finanzbeziehungen zwischen Bund und Ländern nachzudenken.
LVZ: Was trennt heute noch Ost und West?
Reiner Haseloff: Die sehr unterschiedlichen Sozialisationen und Erfahrungen aus 40 Jahren Demokratie und Diktatur wirken bis heute nach. Dass manche soziokulturellen Unterschiede in 20 oder 30 Jahren noch ähnliches Gewicht haben, ist allerdings sehr unwahrscheinlich. Die noch bestehenden mentalen Unterschiede werden sich auswachsen. Die andere Seite ist - und das wird in einer vereinfachenden Betrachtungsweise Ost-West oft übersehen -, dass es innerhalb der jeweils west- bzw. ostdeutschen Gesellschaft mentale Unterschiede gibt, die größer sind als der immer herausgestrichene Unterschied zwischen Ost und West.
David McAllister: Mich interessiert weniger, was uns trennt, als das, was uns verbindet. Sachsen-Anhalt und Niedersachsen sind Partnerländer. Heute pendeln ganz selbstverständlich zahlreiche Niedersachsen und Sachsen-Anhalter zwischen unseren Ländern zur Arbeit. Und wir haben einen wunderschönen gemeinsamen Nationalpark Harz, der mit seinen fast 25 000 Hektar Fläche ein echtes Kind der deutschen Wiedervereinigung ist.
Mit David McAllister und Reiner Haseloff sprach Dieter Wonka. In: Leipziger Volkszeitung, 11.8.2011.